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Gas ohne Zukunft

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Die Kanzlerin hat eine Revolution ausgerufen. Zumindest hat Angela Merkel das Ende September vorgelegte Energiekonzept vollmundig als solche bezeichnet. Apropos:

Revolutionen haben in dieser Branche weltweit Konjunktur. Bereits Anfang des Jahres machte die "New York Times" eine "Energierevolution" dingfest; freilich nicht in der deutschen Energiepolitik, sondern beim "unkonventionellen" Erdgas, das aus Schieferstein gewonnen wird.

 

Es entwickelt sich gerade durch moderne Bohrtechniken vor allem in den USA zu einer wirtschaftlichen, wenngleich ökologisch umstrittenen Alternative, die den Gasanteil am weltweiten Energiemix kräftig steigern könnte. Schiefergas war ein Riesenthema beim jüngsten World Energy Council, zu dem sich Mitte September die Chefs der Energiekonzerne aus aller Welt trafen. Doch im deutschen Energiekonzept, das die Bundesregierung kurz darauf vorlegte, ist das Phänomen weder positiv noch negativ bewertet - es wird schlicht mit keiner Silbe erwähnt.

Das ist typisch. Erdgas taucht im deutschen Energiekonzept nur ganz am Rande auf. Auf der vorletzten Seite sind die Pipelineprojekte North Stream und Nabucco in einer Klammer erwähnt - als bloße Stichworte. Der Energieträger ist durch den Rost gefallen: Bundesregierung und Opposition konzentrieren sich darauf, über die Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke und das Ausbautempo der erneuerbaren Energien zu streiten.

Im Energieszenario der Forschungsinstitute Prognos, EWI und GWS, auf dem das Konzept der Bundesregierung basiert, ist für Erdgas als fossilen Brennstoff künftig kein Platz mehr: Die Bruttostromerzeugung aus deutschen Gaskraftwerken, derzeit bei 87 Terawattstunden, wird demnach bis 2030 auf ein Drittel und bis 2050 auf null heruntergefahren.

Das ist ein kühnes Szenario, und so mehren sich in der Wirtschaft die mahnenden Stimmen. Peter Blauwhoff etwa, Deutschlandchef des Shell-Konzerns, kritisiert: "Das Energiekonzept (...) unterschätzt die Rolle von Erdgas in einer bezahlbaren und zugleich sicheren und klimaverträglichen Energieversorgung."
Hinter verschlossenen Türen finden Manager, insbesondere die Vertreter energieintensiver Unternehmen, deutlichere Worte. Zum Beispiel in der vergangenen Woche beim "Energiegespräch am Reichstag" mit BASF-Vorstand Hans-Ulrich Engel in der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft. Ihr Fazit: Erdgas hat in Berlin keine schlagkräftige Lobby und wurde deshalb von den Machern des Energiekonzepts ignoriert.

Warum ist die Gaslobby so schwach? Das hängt mit der Malaise des Branchenprimus zusammen: Die Essener Ruhrgas, die 2002 mithilfe einer umstrittenen Ministererlaubnis vom Düsseldorfer Eon-Konzern geschluckt wurde, hat nicht nur ihre Eigenständigkeit eingebüßt - sondern auch ihren Einfluss in der Politik, die den Gaskonzern einst hegte und pflegte. Heute ist Ruhrgas nur noch eine Konzernsparte, die zudem in Schwierigkeiten steckt, weil das früher so erfolgreiche Geschäftsmodell nicht mehr zeitgemäß ist. Bei Eon haben traditionell ohnehin die Strommanager das Sagen. Und so konzentrierte sich der Konzern bei seiner Lobbyarbeit in Berlin auf die Laufzeitverlängerung.

Allerdings verpasste Ruhrgas auch zu Zeiten der Selbstständigkeit die Chance, Erdgas richtig zu positionieren - als idealen Partner der erneuerbaren Energien. Wer sich damals mit Ruhrgas-Vorständen unterhielt, erkannte schnell: Es war ihnen eher peinlich, Profiteure des Atomausstiegs der Regierung Schröder zu sein, die Erdgas für den Übergang ins regenerative Zeitalter nutzen wollte. Die Ruhrgas-Lenker mochten sich nicht mit rot-grünen Umweltpolitikern ins selbe Boot setzen. Nicht gerade dienlich waren die damaligen Ruhrgas-Anteilseigner: Ölkonzerne, die wenig Lust verspürten, etwa die Einführung von Erdgasautos zu unterstützen.
Heute setzt auch die Regierung Merkel auf eine Zukunft mit erneuerbaren Energien. Und Gas ist mit dem Makel behaftet, ein fossiler Brennstoff zu sein. Fossile passen schlecht zum ehrgeizigen Ziel der Regierung, die Treibhausgasemissionen um mindestens 80 Prozent bis 2050 zu senken.

Im Energiekonzept war daher allenfalls Platz für einen fossilen Brennstoff. Den hat die Regierung für die heimische Braunkohle reserviert, und zwar in Verbindung mit der CCS-Technik zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Die CCS-Technik soll laut Energiekonzept hierzulande erprobt werden und dafür sorgen, dass die Verstromung der emissionsreichen Braunkohle "künftig klimaneutral erfolgen kann". Ob CCS in Deutschland jemals kommerziell betrieben werden kann, steht allerdings in den Sternen.

Die Entscheidung für Kohle und gegen Erdgas hat auch struktur- und außenpolitische Gründe. Ein Verzicht auf Braunkohle hätte den Abbau Zehntausender Arbeitsplätze bei RWE und Vattenfall zur Folge, mit verheerenden Auswirkungen etwa in der Lausitz. Ein Verzicht auf Gas ist strukturell besser zu verkraften.
Hinzu kommt, dass Braunkohle als heimischer Energieträger bei der Versorgungssicherheit punktet. Im Gegensatz dazu werden 87 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases importiert. 37 Prozent stammen aus Russland. Eine geopolitische Abhängigkeit lässt sich nicht von der Hand weisen und sorgt in Berlin nach wie vor für Unbehagen.

Allerdings gibt es Mittel, diese Abhängigkeit zu verringern. Eines davon ist Flüssiggas, auch bekannt als Liquefied Natural Gas (LNG). Notwendige Infrastruktur, insbesondere ein LNG-Hafen, steht jedoch in Deutschland nach wie vor nicht zur Verfügung. Dabei ist LNG auf dem Weltmarkt heute leichter zu bekommen, weil die USA weniger davon importieren - als Folge ihres heimischen Schiefergas-Booms. Fazit: Wer die Revolution im Inland ausruft, sollte Revolutionen anderswo zumindest im Auge behalten.


 

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